Canon EOS R8 – Begeisterung oder Kompromiss?

01. September 2023
von Akki Moto
4 Kommentare
Canon EOS R8
Canon EOS R8 (Foto: Canon)

Die Tallinna Linnahall (Tallinner Stadthalle) wurde 1980 anlässlich der olympischen Segelwettbewerbe in Tallinn fertiggestellt. Der große Saal bot 5.000 Gästen Platz. Seit 2008 ist die Halle ­geschlossen. Während meiner Fotoreise nach Estland konnte ich dieses beeindruckende architektonische ­Ensemble ­besuchen. Vor der überschaubaren ­Anzahl von sieben ­Besuchern gab es ein begeisterndes ­Konzert von Katariina Tammemägi. Die Akustik des Raumes war großartig, die Lichtbedingungen nicht optimal, da ein Großteil der Beleuchtung des Saales nicht mehr funktionstüchtig ist. Eine kleine LED-Lampe sorgte für etwas zusätzliches Licht. Den Rest musste die Canon EOS R8 erledigen, die ich auf dieser Fotoreise für unser R8-Buch (Schwabe/Moto, Canon EOS R8 – Das Handbuch zur ­Kamera https://dpunkt.de/produkt/canon-eos-r8/) ausgiebig testete.

Katariina Tammemägi begeistert uns mit ihrer Musik in der Linnahall – aufgenommen wurde das Bild mit ISO 25.600

Der erste Eindruck

Die Bauform der Canon EOS R8 mag man oder man mag sie nicht. Ich mag sie und freute mich auf meiner Reise über die Kompaktheit und das spürbar leichtere Gewicht der EOS R8. Die R8 gleicht von der Bauform der Canon EOS RP, welche ich zwei Jahre als Zweitkamera im Einsatz hatte. Sogar die Tastenanordnung auf der Rückseite ist identisch.

Beide Kameras sind recht leicht, was sich auf ausgedehnten Wanderungen schon bemerkbar macht. Wer größere Hände hat, wird unweigerlich den ­kleinen ­Finger unter der Kamera halten. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, insbesondere wenn man mit recht schweren Objektiven arbeitet. Canons ­funktionsloser Erweiterungsgriff EG-E1, der sowohl an die Canon EOS RP als auch an die R8 passt, behebt dieses Problem ganz passabel. Einen Batteriegriff eigens für die R8 ­bietet ­Canon nicht an.

Wie in der EOS RP kommt auch bei der R8 der ­kleine Akku LP-E 17 zum Einsatz, der mit 1.040 mAh ca. halb so viel Kapazität hat wie die Akkus der LP-E 6 Serie der größeren Canon-Kameras, aber auch nur halb so viel kostet. Nach meinen Erfahrungen mit der EOS RP ­waren meine Erwartungen an die Haltbarkeit der ­kleinen Akkus nicht sehr groß. Ich wurde positiv überrascht. Mit der EOS R8 kam ich mit dem Akku wesentlich weiter als mit der RP. Fast zwei Tage mit etwas mehr als 400 Bildern und 5 Minuten Video lassen für mich den Schluss zu, dass man mit der R8 mit einer Akku­ladung über den Tag kommen kann. Ich führe das auf die neue energiesparende Version des Digic X-Prozessors zurück aber auch auf ein verbessertes Energiemanagement der EOS R8. Wenn man am Anfang allerdings viel in die Menüs schaut und wenn man Videos dreht, ist der Akku oft schneller leer als man möchte.

Viele Eigenschaften hat die R8 von ihrer großen Schwester, der R6 Mark II, geerbt. So ist in der R8 der gleiche Sensor und das gleiche Autofokussystem wie in der R6 Mark II verbaut. Da die Serienbildgeschwindigkeit im 1. Elektr. Verschluss (einen reinen mechanischen Verschluss hat die R8 nicht, da ihr der 1. Verschlussvorhang fehlt) von 12 Bildern/Sekunde bei der R6 Mark II auf 6 Bilder/Sekunde bei der R8 zurückgegangen ist, könnte man meinen, dass die R8 langsamer wäre. Dem ist aber nicht so. Dank des gleichen Digic X-Prozessors wie in der R6 Mark II fokussiert die Kamera extrem schnell und direkt. Unterschiede sind hier zur 1.100 Euro teureren R6 Mark II nicht auszumachen.

Bewegte Motive und deren Verfolgung stellen für die EOS R8 kein Problem dar.

In der Praxis sind die 6 Bilder/Sekunde für ­viele ­Motive regelmäßig ausreichend. Selbst die Profi-Spiegel­reflexkamera 5D Mark IV konnte auch nur mit max. 7 Bildern/Sekunde aufnehmen.

Der elektronische Verschluss kann an der EOS R8 ­jedoch bis zu 40 Bildern/Sekunde aufnehmen und ist besser nutzbar als z.B. an der EOS R6. Das hängt damit zusammen, dass der moderne Sensor der Kamera wesentlich schneller ausgelesen wird. Dies hat zur Folge, dass Nebenwirkungen des elektronischen Verschlusses wie Rolling Sutter und Banding stark minimiert wurden und in vielen Motivsituationen jetzt nicht mehr störend sind.

Und der Sensor begeistert auch vom Rauschver­halten und der Dynamik, wie das erste Bild mit ­Katariina zeigt.

Fehlt der Kamera etwas?

Es gibt natürlich auch einige Dinge, welche die R8 gegenüber der R6 Mark II nicht hat. Dazu gehört der in die Kamera eingebaute Bildstabilisator (IBIS). Im Objektivkapitel unseres R8-Buches empfehlen wir deshalb, vorzugsweise stabilisierte Objektive einzusetzen.

Ein eingebauter IBIS in der Kamera wirkt im Weitwinkelbereich mehr als im Telebereich. Andererseits ist es so, dass man im Weitwinkelbereich den Stabilisator oft nicht so oft benötigt, wie im Telebereich (Siehe dazu auch meinen Beitrag zur Bildstabilisierung im ­RF-­System: https://www.fotoespresso.de/erfahrungen-mit-dem-bildstabilisator-in-canons-rf-system/). Man kann daher im Weitwinkelbereich auch auf unstabilisierte Objektive zurückgreifen, wenn man die Belichtungszeit etwas anpasst.

Das mit dem RF 16 F2.8 STM aufgenommene Bild zeigt den Lost Place Kreenholm im Osten Estlands. ­Canons EOS R8 und das RF 16 wiegen zusammen ­gerade einmal 626 g und sind damit noch 44 g leichter als der Body der EOS R6 Mark II mit Akku und Speicher­karte ohne Objektiv.

Eine Stärke von Vollformatkameras sind Aufnahmen mit Weitwinkelobjektiven – hier das RF 16 F2.8 STM

Die EOS R8 hat einen SD-Kartenschacht, der sich unten mit im Batteriefach befindet. Der fehlende zweite SD-Kartenschacht stellt ggf. für Berufsfotografen ein Problem dar, wenn diese z. B. bei einer Hochzeit ­fotografieren und genau eine Chance für die Aufnahme der Bilder haben. Treten dann Fehler bei einer SD-Karte auf, hat der Fotograf keine Kopie der Bilder. Allerdings stelle ich in meinen Einstellworkshops für Kameras aus dem Canon EOS R-System immer wieder fest, dass auch Besitzer von Kameras mir zwei SD-Kartenschächten oft die parallele Aufzeichnung der Bilder auf beide ­Karten nicht eingeschaltet haben. Dann gibt es die Sicherheit auch nicht bei diesen Kameras.

Wer es gewohnt ist, das Autofokus (AF)-Feld mit ­einem Joystick auszuwählen, wird diesen eventuell an der EOS R8 vermissen. Statt des Joysticks und ­eines dritten hinteren Drehrades hat die EOS R8 hier vier Kreuztasten. Diese lassen sich direkt mit den Richtungen für die ­Verschiebung des AF-Feldes belegen. Ist man bereit, vor dem Verschieben des AF-Feldes die AF-Messfeldwahltaste zu drücken, kann man die ­Tasten ­sogar zusätzlich auch noch mit anderen Funktionen belegen. Damit können an der R8 insgesamt mehr ­Tasten belegt werden als an der R6 Mark II. Für die Wahl des AF-Feldes bietet aber die EOS R8 noch weitere Auswahlmöglichkeiten. Neben der Auswahl über das Touch-Display gibt es auch eine Möglichkeit, die ich selbst sehr oft benutze. Ich lasse das AF-Feld in der Mitte und fokussiere das Motiv mit Servo-AF. Bei eingeschalteter Motivverfolgung bleibt bei halb gedrücktem Auslöser die Kamera auf dem Motiv und ich kann die Kamera verschwenken, bis ich den gewünschten ­Bildausschnitt erreicht habe. Danach drücke ich dann den Auslöser ganz durch.

R8 oder doch besser R6, R7 oder R6 Mark II?

Nun stellt sich die Frage, welche Kamera man aus dem Portfolio von Canon auswählen soll. Die Frage lässt sich nur individuell beantworten, da die Motive und Vorlieben der Fotografen zu unterschiedlich sind. Der nachfolgende Abschnitt soll Ihnen helfen, eine Einordnung vorzunehmen.

Die Canon EOS R6, R7 und R8 bewegen sich alle im Preissegment zwischen 1.600 und 2.000 Euro, die R6 Mark II kostet 2.899 Euro und ist damit im Schnitt 1.000 Euro teurer als die anderen Kameras. Wen die Bauform der EOS R8 nicht anspricht und wer das entsprechende Kleingeld übrig hat, der kann zur Canon EOS R6 Mark II greifen und erhält eine sehr gute und leistungsfähige Kamera ohne Kompromisse.

V.l.n.r stehen hier für den Vergleich die Canon EOS R7, R6, R6 Mark II und R8.

Die R7 hat eine etwas bessere Ausstattung mit IBIS, drittem Drehrad, Joystick, zweitem SD-Kartenschacht. Der Hauptunterschied zwischen der R7 und der R8 ist aber der Sensor. Während die R8 einen Vollformatsensor mit 24 Megapixeln hat, verfügt die R7 über einen kleineren APS-C-Sensor mit 32 Megapixeln. Die extrem höhere Auflösung der R7 (hochgerechnet auf den Vollformatsensor der R8 wären es dann 82 Megapixel) ermöglicht ein etwas stärkeres Zuschneiden des Bildes. Erkauft wird dies allerdings mit einem deutlich schlechteren Rauschverhalten der R7 gegenüber der R8. Beim Vergleich zwischen R7 und R8 handelt es sich meiner Meinung nach also weniger um eine Entscheidung auf der Basis von Funktionen der Kameras als eher um eine Grundsatzentscheidung zwischen einem Vollformatsensor und einem APS-C-Sensor. Da die Unterschiede zwischen den beiden Sensorgrößen mehr als nur das Rauschverhalten betreffen, verweise ich auf die umfangreich dazu vorhandenen Informationen im ­Internet zu diesem Thema.

Einen Sonderfall stellt die Canon EOS R6 dar, die ­allerdings nicht mehr produziert wird. Sie ist der Vorgänger der R6 Mark II und besitzt noch einen Sensor der vorherigen Sensorgeneration. Vielerorts kann man auch die R6 gebraucht bekommen, da doch etliche ­Fotografen auf die R6 Mark II umgestiegen sind. Die R6 ist auch heute noch eine starke Kamera, die neben der größeren Bauform mit zwei SD-Kartenschächten auch ­einen IBIS an Bord hat. Canon hat beginnend mit der R7 die Kameras mit einem etwas anderen Bedienkonzept ausgestattet. Dies betrifft u. a. auch das Autofokussystem, welches an den neueren Kameras deutlich mehr Möglichkeiten bietet. Ebenfalls bietet die R8 u. a. mit dem RAW-Burst-Modus und der Panoramafunktion neue Eigenschaften, die in der R6 nicht vorhanden sind. Vorteil der R6 ist der eingebaute IBIS, der die Kamera für Fotografen interessant macht, die vorwiegend mit manuellen und unstabilisierten Objektiven (z.B. sehr alten Objektiven) arbeiten.

Fazit

Die Canon EOS R8 hat mich begeistert. Sie ist genau der richtige Einstieg ins Vollformat für Hobby- und ­Reisefotografen. Bei einer Kamera mit dem leistungsfähigen Sensor und dem starken Autofokus-System der Canon EOS R6 Mark II kann und will ich nicht von ­einem Kompromiss oder einer abgespeckten ­Version reden. Autofokus und Bildqualität lassen keine ­Wünsche offen und sind jederzeit auf dem Niveau der über 1.000 Euro teureren R6 Mark II. Einige Einschränkungen wie der kleinere Akku und das Vorhandensein nur eines SD-Kartenschachtes, sind der kleineren und leichteren Bauform der Kamera geschuldet, die aber zweifellos auch ihre Vorteile hat.

Aus meiner Sicht ist die Canon EOS R8 kein Kompromiss, sondern eine eigenständige Kamera in Canons spannendem Kameraportfolio mit einer interessanten Bauform, einem eigenen Leistungsprofil und zu einem wettbewerbsfähigen Preis.

Auch auf Grund des attraktiven Preis-/Leistungsverhältnisses ist die Canon EOS R8 für Hobbyfotografen eine klare Kaufempfehlung.

Teile mit deinen Freunden:
4 Kommentare:
  1. Sehr deutlich. Jetzt habe ich aber eine frage an sie.
    Ich möchte mich ein neue camera kaufen, meine 7d is fast am ende.
    Ich zweifele aber zwischen die R8 oder eine occasion 5D IV mit 10000 clicks.

    Was und wiso wurden sie machen. vielen dank im voraus, grüße aus der Niederlande.

    1. Hallo Sjeng,
      natürlich kann ich hier nicht individuell beraten, da Fragen wie Budget, Fotomotive und vorhandene Objektive nicht beantwortet sind. Ich habe Dir dazu aber mal eine Mail geschrieben.
      Grundsätzlich würde ich nicht mehr in eine Spiegelreflexkamera investieren. Wer will denn noch ohne Motiverkennung und -verfolgung fotografieren (das kann die 5D IV nicht). Ansonsten für mich im Vergleich ist der klare Sieger die R8, da aus meiner Sicht besseres AF-System, besserer Sensor, aktuelles System.

      Liebe Grüße
      Akki

  2. Hallo Akki, ich komme von der Canon 7dii mit einem zu verkaufenden ef 100-400 i (ich bin mit dem Teil in Bezug auf eine r- Kamera nicht mehr so glücklich) und stehe vor der unmöglichen Entscheidung (weil es die eigentlich nicht geben kann) APSC, konkret Canon r7 mit dem rf 100-500 oder Vollformat r6/r8 mit den rf 100-400 und 200-800 (mit Tendenz zur r8)
    Mein Hauptfotobereich ist bisher Wildlife, aber nicht unbedingt im Ansitz, sehr viel eben auch „auf Schusters Rappen oder wie das heißt. Allerdings würde ich mir auch gerne meinen Fotobereich etwas erweitern, vorzugsweise mehr Natur etc. Kannst du mir einen Tipp geben, woran ich denken soll um nichts zu übersehen?
    Ich weiß, eigentlich ein Luxusproblem, aber mich blockiert es schon fast……
    Herzlichen Dank und viele Grüße
    Christian

    1. Hallo Christian,
      so lang kann der Text hier im Kommentar nicht werden, um Deiner Fragestellung gerecht zu werden. Ich hab Dir mal eine Mail geschickt.
      Liebe Grüße
      Akki

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Ähnliche Artikel
Kategorien