Ein Objektiv gebraucht kaufen

04. November 2015
von Steffen Körber
4 Kommentare

Abgesehen von den grundsätzlichen Tipps für den Gebrauchtkauf sind beim Kauf von Objektiven noch einige Besonderheiten zu beachten. Der folgende Beitrag soll Ihnen als Hilfe dabei dienen, wenn sie ein Objektiv gebraucht kaufen möchten. Am sichersten ist der Kauf eines gebrauchten Objektivs nach einer persönlichen Begutachtung und einem ausführlichen Test. Sollte dies nicht möglich sein, empfiehlt es sich dringend, aussagekräftige Bilder vom Objektiv zu verlangen und sichere Zahlungs- und Versandmöglichkeiten zu wählen. Bei teureren Objektiven kann außerdem ein Kaufvertrag nicht schaden. Wenn Sie sich das Wunschobjektiv persönlich anschauen, sollten Sie einerseits die äußere Erscheinung genauer begutachten und andererseits das Objektiv auf Funktion hin testen – und zwar in Ruhe, denn es gibt hier Einiges zu prüfen.

Äußere Erscheinung

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Das äußere Erscheinungsbild sagt nicht immer etwas über die Funktionstüchtigkeit des Objektivs aus

Schauen Sie sich zunächst die äußere Erscheinung es Objektivs an und achten Sie insgesamt auf Abnutzungen und Beschädigungen. Gebrauchsspuren und optische Mängel sind nicht per se problematisch, sollten aber daraufhin geprüft werden, ob sie wirklich nur kosmetischer Natur sind oder auch funktionale Einschränkungen mit sich bringen.

Äußerliche Kratzer im Lack

Kratzer am Tubus bzw. an der Lackierung sind in erster Linie nur kosmetische Mängel und beeinträchtigen die Funktion des Objektivs nicht. Sie sollten sich also hiervon nicht aus der Ruhe bringen lassen, sondern den Umstand für die Preisverhandlung nutzen. Womöglich ergibt sich so ein echtes Schnäppchen. Viele und starke optische Gebrauchsspuren weisen jedoch unter Umständen auf einen regelmäßigen Einsatz und ggf. einen ruppigen Umgang mit der Ausrüstung hin. Daher ist bei solchen „Kampfspuren“ die Prüfung der weiteren Punkte umso wichtiger.

Bajonett

Das Bajonett bzw. der Kamera-Anschluss ist eines der am stärksten strapazierten Teile eines Objektivs. Man sollte es daher genauer unter die Lupe nehmen. Ist das Bajonett stark verkratzt, kann das auf eine starke Nutzung oder gar unsachgemäße Behandlung hinweisen. Ist das Bajonett verbogen, sollte man definitiv die Finger vom Objektiv lassen, da ein defektes Objektiv-Bajonett auch das Bajonett der Kamera zerstören kann. Ein Austausch wäre mit erheblichen Kosten verbunden ist.

Abnutzung der Gummierung

Ähnlich wie Kameras besitzen Objektive auch eine Gummierung oder sog. Belederung. Diese erhöht die Griffigkeit und den haptischen Komfort. Je nach Verarbeitungsqualität und Beanspruchung kann es aber durchaus vorkommen, dass die Gummierung sich löst. Hier sollte keinesfalls mit Kleber nachgebessert werden, da die Gefahr besteht, dass dieser Fokus- und Zoomringe verklebt oder ins Objektiv gelangt. Stattdessen sollte die Gummierung erneuert werden, was jedoch mit Kosten verbunden ist und der Kauf nur dann lohnenswert ist, wenn der Preis deutlich gemindert wird.

Kratzer auf der Frontlinse bzw. der Vergütung

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Tiefe Kratzer wirken sich negativ auf die Aufnahmen aus

Feine und einzelne Kratzer wirken sich in der Regel nicht gleich auf die Aufnahmen aus. Sind die Kratzer jedoch tiefer und dicht beieinander, kann sich dies besonders im abgeblendeten Zustand negativ in den Fotos bemerkbar machen. In solchen Fällen finden sich an entsprechender Stelle im Bild oft dunkle Flecken. Die Reparatur solcher Kratzer ist kaum möglich, ohne die Frontlinse auszutauschen. Für viele Objektive dürfte dieser Umstand einem wirtschaftlichen Totalschaden gleichkommen.

Der Blick ins Innere

Beim Gebrauchtkauf von Objektiven gibt der Blick ins Innere Auskunft darüber, ob sich im Objektiv Staub, Schmutz oder gar Pilz eingenistet hat. Für eine gute Sicht empfiehlt es sich, die Blende vollständig zu öffnen und das Objektiv gegen das Licht zu halten. Man sollte sich so am besten die Vorder- und Rückseite genau anschauen.

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Um bei Nikon-Objektiven die Blende manuell zu öffnen, muss man den Blendennehmer verschieben

Staub / Schmutz im Objektiv (hinter der Rück- und Frontlinse)

Nach einiger Zeit sammeln sich in fast jedem Objektiv Staub- oder Schmutzpartikel an. Besonders gefährdet sind Zoom-Objektive, die Staub geradezu einsaugen. Das ist an sich auch noch gar nicht schlimm, denn in den meisten Fällen sind diese Partikel auf den Bildern praktisch gar nicht sichtbar. Größere Partikel (teilweise finden sogar Haare den Weg in ein Objektiv) hingegen können bei kleiner Blende durchaus als störende Flecken im Bild sichtbar werden. Das Entfernen solcher Staub- und Schmutzeinschlüsse ist nur durch eine Demontage des Objektivs möglich. Es ist daher ratsam, beim Begutachten des Objektivs darauf zu achten, dass keine größeren Staub- oder Schmutzpartikel zwischen den Linsen eingeschlossen sind.

Glaspilz (Fungus)

Unter Glaspilz versteht man den Befall eines Objektivs mit keimenden Pilzsporen. Grundsätzlich sind Pilzsporen überall vorhanden. Sie keimen allerdings erst unter für sie geeigneten Bedingungen. Vor allem bei einer hohen Luftfeuchtigkeit, geringer Luftbewegung, Dunkelheit und Nährstoffen wie Leder, Staub und Textilien finden Pilzsporen beste Bedingungen vor, um zu keimen. Wer also Pilzbefall vermeiden möchte, sollte die Lagerung unter diesen Bedingungen – zumindest längerfristig – vermeiden. Die Folge eines starken Pilzbefalls ist eine Schädigung der Beschichtung bzw. des Glases selbst. Dies kann sowohl zur Trübung bis hin zur völligen „Erblindung“ des Glases führen. In solch einem Fall hilft eigentlich nur noch die professionelle Reinigung, die eine vollständige (abermals kostspielige) Demontage des Objektivs bedingen. Oftmals verweigern Hersteller jedoch Serviceleistungen an mit Fungus infizierten Objektiven. Womöglich mit gutem Grund: In manchen Quellen im Internet liest man davon, dass Pilzbefall höchst ansteckend für die anderen Teile der Ausrüstung sein soll. Möchte man also ein älteres Objektiv gebraucht kaufen, sollte man sicher gehen, dass es nicht bereits völlig verkeimt ist. Glaspilz ist im „Endstadium“ zwar sehr gut sichtbar, anfangs kann er jedoch leicht übersehen werden. Bei der Sichtprobe sollte man daher ganz genau auf einzelne durchsichtige bis weiße Strukturen achten. Je nach Ausprägung ähnelt Glaspilz beispielsweise einem Spinnennetz oder Eiskristallen.

Die Funktion prüfen

Eine einwandfreie Optik nützt einem natürlich nichts, wenn das Objektiv nicht einwandfrei funktioniert. Bei einem Test sollten daher der Autofokus und die Leichtgängigkeit der Mechanik geprüft werden.

Autofokus

Eine Schwachstelle älterer Objektive ist der Autofokus. Hier kann sowohl die Elektronik als auch die Mechanik Probleme machen und im schlimmsten Fall versagen. Ursachen hierfür kann Verschleiß, Alterung oder ein Sturzschaden sein. Es kann durchaus vorkommen, dass man einem Objektiv nach einem Sturz äußerlich nichts ansieht, es aber im Inneren durchaus Schaden genommen hat. Das muss nicht unbedingt gleich der Ausfall des AF sein, unter Umständen ist der Autofokus auch „nur“ dejustiert. Ärgerlich ist es, wenn die Objektive bereits so alt sind, dass der Hersteller keine Ersatzteile mehr bereitstellt (betroffen sind z.B. Nikon AF-I Objektive).

Man sollte vor dem Kauf also die Funktion ausgiebig prüfen. Um das Objektiv zu fordern, kann beispielweise von unendlich auf nah und umgekehrt fokussieren. Ist der Autofokus extrem träge oder macht gar komische Geräusche, sollte man auch hier lieber vorsichtig sein und im Zweifel auf den Kauf verzichtet oder zumindest vorher einen Fachmann zu Rate ziehen.

Hält der Autofokus diesem Test stand, sollte man außerdem prüfen, ob der Fokus auch richtig sitzt, das heißt kein Front- oder Backfokus vorliegt. Hierzu sollte man ein kontrastreiches Motiv fotografieren und am besten am Laptop (oder zur Not in der 100% Ansicht des Kameradisplays) prüfen, ob der fokussierte Punkt auch tatsächlich im Schärfebereich liegt.

Blenden-, Fokus- und Zoomring prüfen

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Zoom- und Blendenring sollten leichtgängig und ohne Spiel laufen

Beansprucht werden bisweilen auch die verschiedenen Ringe am Objektiv. Zoom-, Fokus- und Blendenringe sollten ohne großen Widerstand leichtgängig und sauber laufen. Der Blendenring sollte außerdem bei jeder Blendendstufe hör- und spürbar einrasten.

Wenn Sie all diese Punkte beachten, bevor Sie ein Objektiv gebraucht kaufen, sollte der Freude an dem „neuen alten“ Glas nichts im Wege stehen. Was es beim Kauf von Kameras besonders zu beachten gibt, werde ich im nächsten Artikel der Serie versuchen zu erläutern.

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4 Kommentare:
  1. Sehr schoener Artikel ! Auch wenn der Gebrauchtkauf vielleicht ein wenig anstrengender ist, als mal eben in einem Onlineversandhandel auf Neuware zu klicken, so lohnt sich der Ausflug ins Altglaslager allemal. Also zumindest nach meiner Erfahrung (http://goo.gl/8PNvBz). Wie ich dem Artikel geschrieben habe, bekommt man gerade im M42-Segment haeufig „Profiqualitatet zu Resterampepreisen“.
    Btw. am ersten Advent ist wieder Fotoboerse in Darmstadt (http://goo.gl/Vwlq6C). Wuerde ich in DE leben, wuerde ich hingehen !
    Aber hier ists auch nicht schlecht … Wer Anfang Oktober eines Jahres zufaellig in Hong Kong sein sollte, dem empfehle ich wirklich die alljaehrliche Hong Kong Classic Camera Fair (http://goo.gl/vZW2nx). Dieses Jahr ists schon vorbei … HK ist m.E. immer noch der beste Platz fuer den Objektiv-Gebrauchtkauf.
    Soll es gleich ne ganze Kamera sein und evtl. noch aus japanischer Herstellung, dann sollte man anschliessend nach Tokyo weiterfliegen (http://goo.gl/PE4SVi).

  2. Glaspilz, wenn er sich nur im Anfangsstadium befindet, ist für mich kein Hinderungsgrund, ein gebrauchtes Objektiv zu kaufen. Im Gegenteil: Glaspilz wird von Photographen mehr gefürchtet als der Teufel das Weihwasser; daher sind Objektive mit Fungus besonders preiswert. Dabei wird leichter Glaspilz die Abbildungsqualität der Linse i.d.R. kaum beeinflussen.
    Glaspilz läßt sich nämlich problemlos töten, ist dabei allerdings als Fungusleiche noch im Objektiv vorhanden. Deshalb ist es nur bei leichtem Befall zu empfehlen. Die schnellste Methode zur Abtötung des Pilzes nennt sich Backofenmethode:
    Man legt das Objektiv in den kalten(!) Backofen, erhitzt ihn auf 80°C und schaltet ihn, wenn er diese Temperatur erreicht hat, nach einer Stunde wieder ab, öffnet jetzt aber nicht (!!!) den Backofen, sondern läßt das Objektiv mit und in dem geschlossenen Ofen erkalten. Ist beides erkaltet, kann man das Objektiv herausnehmen. Der Fungus ist jetzt tot, ist aber nach wie vor zu sehen. Die optische Leistung der Linse ist die gleiche wie vor der Prozedur.
    Zu meiner eigenen Sicherheit muß ich allerdings sagen, jeder handelt bei dieser Anwendung auf eigenes Risiko! Ich habe dabei eine gute Erfahrung u.a. mit einem Leica Telyt 4,8/350mm gemacht, sicher kein billiges Objektiv.
    Es gibt noch andere Methoden zur Abtötung von Fungus, z.B. die Bestrahlung mit UV-Licht. Das dauert mir aber zu lange.

  3. Ich wusste nicht, dass Linsen eine Gummibeschichtung haben, die die Griffigkeit und den haptischen Komfort erhöht. Ich versuche, meine eigene Kamera zu bauen, und ich möchte sichergehen, dass sie griffig ist und mir nicht aus der Hand fällt. Ich werde mich nach einer Firma umsehen, die mit Gummibeschichtungen arbeitet, die mir bei der Herstellung meiner Kamera helfen kann.

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