Was macht starke Porträts aus?

14. Dezember 2021
von fotoespresso
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von Martin Frick

Vor über einem Jahr ist die Idee zu einem Buch entstanden, in dem ich die Porträtfotografie aus einem neuen Blickwinkel angehen wollte. Warum ein weiteres Buch über Porträtfotografie, könnte man sich fragen? Ich glaube, viele Foto-Sachbücher erklären, welches die beste Brennweite für ein gelungenes Porträt ist, warum du das neueste Kameramodell kaufen solltest und mit welcher Blendeneinstellung du das beste Bokeh erzielen kannst. Dagegen ist nichts einzuwenden, ich habe aber auch gemerkt, dass das, was Fotografie für mich im Wesentlichen ausmacht, in der Buchlandschaft zu kurz kommt. Wenn ich die Tipps und Themen der Fachbücher mit den Situationen verglichen habe, die ich während meiner Arbeit oder meiner Reisen durch die USA, Portugal, Frankreich und Marokko erlebt habe, konnte ich »auf der Straße« davon nur sehr wenig umsetzen.

Was mich dagegen am meisten voran ­gebracht hatte, waren Mentoren, die mir eine unlösbar ­erscheinende Aufgabe gestellt – und mich damit aus ­meiner Komfortzone gelockt hatten. Es war der Umstand, dass ich meistens allein gereist war und dabei viel offener für Begegnungen geworden bin. Und es war die Erfahrung, dass es mir gelungen war, an diesen Orten Freunde zu finden, durch die ich mich selbst hinterfragen und besser kennenlernen durfte. All das hatte meine Fotografie mehr verändert als der Besitz eines bestimmten Objektives oder der Einsatz des angesagtesten Lichtformers. Und vor allem: noch nie hatte mich die Fotografie so glücklich gemacht. Kurz: es ­hatte mir ein Buch gefehlt, das darauf eingeht, wie du mit interessanten Menschen in Kontakt kommst, ihr Vertrauen gewinnst und ihre Geschichte so erzählen kannst, dass du andere damit berührst.

Dass auch das Schreiben selbst für mich zu einer Art Reise werden würde, war mir zu dieser Zeit noch nicht klar. Von dieser Reise in das Innere meiner Fotografie möchte ich in diesem Artikel erzählen. Während ich so unterwegs war, hat sich auch die Sicht auf meine Fotografie, die Welt und auf mich selbst verändert.

Wann bin ich ein Fotograf?

Wie viele andere auch, habe ich nicht von Anfang an als Fotograf gearbeitet, sondern zunächst in anderen Jobs Erfahrung gesammelt. Irgendwann hat es sich ergeben, dass ich mein erstes Angebot schrieb und einen Auftrag bekam. Es war also die Frage im Raum, ob ich mich nun »Fotograf« nennen sollte oder nicht. Irgendwann habe ich Soziologie und Fotojournalismus studiert. Aber was unterscheidet jemanden, der eine Kamera benutzt und damit Fotos macht von einem »Fotografen«, habe ich mich gefragt?

Während des Schreibens habe ich für mich ­diese Antwort gefunden: ein Fotograf ist jemand, der, bevor er den Auslöser drückt, eine Idee hat. Viele von uns sind visuell tickende Menschen, daher ist diese Idee meistens etwas, was wir »gesehen« haben, entweder in der realen Welt oder vor unserem inneren Auge oder beides. Vielleicht ist es ein Moment, in dem ein Freund im Morgengrauen aus der Berghütte in das Licht hinaus tritt, der sich in dein Gedächtnis gebrannt hat. Vielleicht ist es die Begegnung mit einem Fremden an einem besonderen Ort, mit dem du unerwartet ins Gespräch gekommen bist und den du gerne festhalten möchtest. Vielleicht ist es eine Phantasiewelt, die sich in deinem Kopf abspielt, für die du Models castest und im Studio nachinszenierst.

Welche Herangehensweise auch immer du wählst, der Unterschied liegt in der Chronologie. Ziemlich ­sicher werden wir vor dem Drücken des Auslösers vor unserem inneren Auge bereits eine Vorstellung davon ­haben, wie das Bild aussehen würde und davon, wo wir damit »hin wollen«. Daran werden wir das Ergebnis messen, und so ­lange etwas verändern, bis es das zeigt, was wir gesehen und gefühlt haben, bis wir ungefähr das Bild ­haben, das wir im Kopf hatten.

Ein Fotograf macht (für mich) etwas sichtbar, was er gesehen oder verstanden hat. Mir darüber bewusst zu werden, dass es da eine Ahnung und Imagination gab, bevor ich den Auslöser drücke, war neu für mich. Und es wurde für mich zum kleinen aber feinen Unterschied, ob ich Fotos machte oder mich als Fotograf ­betrachte. Darüber wollte ich mehr erfahren.

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt

Nächstes Problem: was ist ein guter Fotograf und was ist ein gutes Foto? Natürlich kenne ich auch diesen Gedanken, dass meine Bilder nicht gut genug sein würden, ich noch zu wenig Ahnung haben würde um ein Buch zu schreiben und mir wären spontan eine Handvoll Leute eingefallen, die es besser können als ich. Aber das ist – bei aller Bescheidenheit – schlichtweg falsch. Das soll nicht heißen, dass ich restlos von meiner Arbeit überzeugt bin. Vielmehr ist es doch so, dass es niemanden gibt, der für mich denken, empfinden, entscheiden und sehen kann. Wenn also 20 Fotografen ein und denselben Menschen porträtieren würden, sähen wir 20 unterschiedliche Porträts. Und darum geht es ja.

Wenn wir uns das bewusst machen – und nicht, wenn wir eine bestimmte Kameraeinstellung ­wählen – wenn wir also unsere ganz eigene Sichtweise auf ­unsere Fotografie anwenden, beginnt die Reise! Sie beginnt damit, dass wir uns Fragen stellen, die wir uns bis dahin so noch nicht gestellt haben. Begegne ich einem interessanten Menschen, beobachte ich sehr genau, was mich innerlich umtreibt:

  • was macht mich an dem Menschen neugierig?
  • worüber habe ich mich zuletzt gewundert?
  • was fasziniert mich an dem Menschen und seiner Lebensform?
  • was irritiert mich daran und was berührt mich?

Während des Schreibens ist mir aufgefallen, dass ich mir innerlich diese Fragen schon immer gestellt habe, wenn auch unbewusst. Mir ist auch aufgefallen, dass sie meine Arbeit um vieles einfacher machen und dass sie mein Selbstverständnis als Fotograf stark verändert haben. Denn so betrachtet gibt es keine richtigen und falschen Antworten.

Wenn ich heute auf Menschen zugehe, auf Menschen, die ich nicht kenne und die ich porträtieren möchte oder auf Kunden, die auf mich aufmerksam geworden sind und mich engagieren, bin ich selbst ein anderer. Ich denke, meine Prioritäten haben sich verschoben. Habe ich früher angenommen, es gehe um das Bild, so sehe ich es jetzt anders. Ich denke, es geht um den Menschen und um das, was die Begegnung aus uns macht.

Warum ein technisch perfektes Bild noch lange kein gutes Porträt ist und was ein gutes Porträt für mich ausmacht

In meinen Fotografie-Workshops – sei es zuhause in Deutschland oder während unserer Foto-Reise durch Marokko – taucht bei meinen Teilnehmenden immer wieder die Frage auf, »ob das ein gutes Foto sei«. Diese Frage lässt sich natürlich auf ganz unterschiedliche Arten beantworten, zum Beispiel im Hinblick auf die technische Perfektion der Abbildung, aber auch in dem Sinne, ob es mich als Betrachter berührt und ob es das sichtbar macht, was der Fotograf gesehen und gefühlt hat, als er die Aufnahme gemacht hat. Die letzte Definition eines guten Bildes/Porträts ziehe ich persönlich vor (wie gut transportiert es mein Erlebnis, als ich diesem Menschen begegnet bin?) aber ich habe auch gemerkt, dass meine Teilnehmer eigentlich etwas anderes erwartet hatten. Meistens waren sie davon ausgegangen, dass es so eine Art objektive Kriterien für ein gutes Porträt gibt.

Um mit dieser Frage nicht so hilflos dazustehen, habe ich – nicht zuletzt für mich selbst – ein Konzept entwickelt, das mir Orientierung dabei gibt, was ich als nächstes angehen, verändern und lernen möchte. Ich nenne es »The Scope +1«. Dafür habe ich zunächst die Kategorien überlegt, die einen Einfluss auf das Ergebnis haben könnten, und diese auf jeweils einer Koordinate abgetragen. Das sind 1) die Ausrüstung 2) mein handwerkliches Können als Fotograf 3) alles, womit ich die Bildaussage unterstützen kann und 4) alle Faktoren, die einen Einfluss darauf haben, wie meine Arbeit »ankommt«. Das sollte mir ermöglichen, mich auf jedem dieser Skalen zu verorten (z. B. stehe ich mit meiner Ausrüstung aktuell auf der Zufriedenheits-Skala auf einer 7), so dass ich mir dann überlegen kann, was ich verändern oder lernen könnte, um auf eine 8 (+1) zu kommen.

Meines Erachtens hilft es, mein Lernfeld vorab nach dieser Struktur zu sortieren um sich dann nur einen ­Aspekt daraus vorzunehmen. Im Buch gehe ich darauf ein, welche Aspekte schließlich zu einer stärkeren Bildaussage, einer passenderen Ausrüstung und besserem Können beitragen können.

Die Erforschung der Welt

Aber all das beantwortet noch nicht die Frage, was für mich ein starkes Porträt ausmacht. Im Buch liest man dazu:

  • es fängt einen bedeutenden oder einzigartigen Moment ein
  • es zeigt etwas, das vorher (so) noch nie gesehen wurde
  • es berührt den Betrachter emotional und lädt zum Mitfühlen ein
  • es transportiert eine Botschaft, einen Appell oder eine starke Aussage
  • es erzählt eine außergewöhnliche Geschichte
  • es stellt einen bestimmten und ungewohnten Kontext her

Aber das ist nicht alles, wie ich während des Schreibens gemerkt habe. Deshalb eine weitere Definition, was ich unter einem guten Porträt verstehe: Ein gutes Porträt ist eines, das mich als Betrachter neugierig auf den abgebildeten Menschen macht. Und das erreicht man mit »Forschungsfragen«:

  • Wann hast du dein Model zuletzt gefragt, was ihm im Leben wichtig ist?
  • Hast du mit ihm darüber gesprochen, ob es ein einschneidendes Erlebnis gibt, das prägend war?
  • Habt ihr euch darüber verständigt, was die Botschaft ist, die er/sie anbringen möchte?

Vielleicht gibt es nicht so etwas wie ein »authentisches Porträt«, aber Bilder, die uns etwas über die Welt erahnen lassen, in der diese Person lebt. Ist sie von ­körperlicher Arbeit geprägt, von dem Glauben an etwas Überirdisches, oder vom Streben nach Erfolg? Glück? Erkenntnis? Anerkennung? Ein gutes Porträt ist für mich persönlich das Bild eines Menschen, das mir ein Gefühl vermittelt vom Charakter, vielleicht von den Emotionen und von den Werten eines Menschen.

»Ich mag schöne Menschen, ihr Aussehen ist mir dabei egal«

Ich weiß nicht wer das gesagt hat, aber so ähnlich geht es mir mit Porträts: Ich mag starke Porträts – wie sie umgesetzt wurden, interessiert mich nicht. Ich mag an Porträts, wenn sie mich neugierig machen, wenn ich mehr über diesen Menschen erfahren möchte.

Das habe ich über mich staunend gelernt, als ich das Buch geschrieben habe. Das ist es, worüber ich mich am meisten freue. Das ist meine Botschaft, das, wozu ich dich ermutigen möchte: Finde deine eigene Definition für das, was für dich ein starkes Porträt ist. Und arbeite daran.

Herzlich, Martin Frick.

Das Interview

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