Fotografieren in Myanmar

05. September 2017
von Thorge Berger
4 Kommentare
Es hätte die größte werden sollen: die Pagode von Mingun.

Fotografieren in Myanmar

Unvergesslich: die blaue Stunde in Bagans Tempellandschaft – mit einer Idee vom ›Goldenen Land‹

Als ich 2008 das erste Mal nach Myanmar reiste, beschäftigte mich die Frage, ob man ethisch gesehen in eine Militärdiktatur reisen darf oder nicht. Im September des Vorjahres hatte es in dem tief buddhistischen Land noch den ›Aufstand der Mönche‹ gegeben, der von der Militärjunta brutal niedergeschlagen worden war. Die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi stand damals noch unter Hausarrest und hatte sich dagegen ausgesprochen, als Tourist in das Land zu reisen, weil man damit indirekt die Diktatur unterstützen würde.

Ich entschloss mich damals dennoch, dorthin zu reisen, denn ich wollte unbedingt das Land sehen und mit den Menschen in Kontakt kommen. Ich machte es mir aber zur Aufgabe, wann immer möglich privat geführte Gästehäuser und Restaurants zu nutzen und mit privaten Airlines zu fliegen, damit möglichst viel Geld bei den Menschen ankommt und nicht bei staatlichen Institutionen. Das machte das Reisen zwar aufwändiger, aber ich hatte das Gefühl, ›das Richtige zu tun‹.

Myanmar war damals noch ein stark isoliertes Land, Internetverbindungen gab es so gut wie gar nicht, und wenn, waren viele Webseiten wie Google, Facebook und mein E-Mail-Account bei Apple komplett gesperrt – und andere brauchten gefühlt mehrere Stunden, bis sich die Seite aufgebaut hatte. Das ­gesamte Budget, welches man für den Aufenthalt brauchte, musste man in neuen Dollarscheinen mit ins Land bringen, denn keine andere Währung wurde getauscht. Im Land ­anders an Geld zu kommen, war damals unmöglich. Ich fand ein Land vor, das wie aus der Zeit gefallen schien und mich sofort in seinen Bann gezogen hat. Die Menschen waren unglaublich freundlich, offen und interessiert an einem Austausch. Kurz gesagt, ich ›verliebte‹ ich mich damals regelrecht in das ›Goldene Land‹, wie Myanmar auch genannt wird.

Am 13. November 2010, kurz bevor ich meine zweite Myanmar-Reise antrat, entließ die Militärjunta Aung San Suu Kyi nach 15 Jahren überraschend aus ihrem Hausarrest. Die positive Spannung im Land war überall spürbar, und die Menschen wirkten hoffnungsvoll und in Aufbruchsstimmung. Auch hatte sich bereits einiges in Myanmar geändert: Es waren inzwischen mehr Touristen im Land unterwegs, und das Straßenbild in ­Myanmars Metropole Yangon war nicht mehr ausschließlich geprägt von den klassischen Longyis (traditionelle Wickelröcke), denn viele Männer trugen nun Jeans, und fast jeder hatte ein Handy! Ein Indiz dafür, dass sich das Land öffnete und damit nicht nur mehr Wohlstand für die Bevölkerung möglich wurde, sondern der Wandel auch die üblichen Gefahren mit sich brachte, wie den Verlust kultureller Eigenheiten. Ich sah es damals mit einem frohen und einem traurigen Auge. Natürlich war es schön zu sehen, dass die Menschen Hoffnung auf mehr Wohlstand und Zugang zu technischen Neuerungen hatten. Andererseits fürchtete ich (durchaus eigennützig) um den Charme des Myanmar, wie ich es 2008 kennengelernt hatte – auch oder insbesondere in fotografischer Hinsicht.

2012 wurde Aung San Suu Kyi dann Parlamentsabgeordnete und ihre Partei NLD gewann 43 der 45 neu zu besetzenden Sitze. Und im November 2015 erreichte die Partei unter ihrer Führung bei den Wahlen dann sogar die absolute Mehrheit. Und Myanmar … es boomte geradezu! In kurzer Zeit wurde es zu dem Trendland in Südostasien – auch unter Fotografen.

Auch ich wollte unbedingt wieder nach Myanmar reisen und, zusammen mit dem burmesischen Fotografen Win Kyaw Zan, eine Fotoreise für eine kleine Gruppe von Fotografen organisieren. Natürlich habe ich damit gerechnet, dass das Land sich weiter verändert haben würde. Dennoch war ich an manchen Stellen schon erschrocken, wie viele Touristen mittlerweile ins Land kamen. Andererseits war ich auch sehr erfreut, dass es vielen Menschen offensichtlich besser geht und sie sich ihre Freundlichkeit und das Land insgesamt seinen Charme dennoch erhalten haben.

Wir starteten unsere Fotoreise ganz klassisch in Yangon, wo nahezu alle Ausländer über den internationalen Flughafen einreisen. Neben der nicht nur für die Buddhisten bedeutenden Shwedagon-Pagode sowie einigen Klöstern brachte uns Win auch zum archaisch anmutenden Fischmarkt in Yangon, der für (hartgesottene) Fotografen wirklich einen Besuch wert ist. Dort finden sich viele sehr ursprüngliche Motive und fotogene ›Typen‹.

Frischer geht es nicht: Am Anleger zum Fischmarkt in Yangon

Weiter ging es nach Bagan, wo etwa 2.000 Tempel und Pagoden stehen sollen. Und es gibt wohl kaum jemanden, der nicht schon das Motiv mit den Heißluftballons darüber gesehen hat. Aber es ist eben doch etwas anderes, wenn man dort ist und die einzigartige Stimmung bei Sonnenauf- oder -untergang erlebt oder sogar selbst in einem Heißluftballon über die endlos erscheinenden Pagoden und Tempel fährt! Und Bagan hat weit mehr zu bieten als nur Ballons über Tempeln: Da sind z. B. die Frauen, die traditionell ihre ­dicken, selbstgedrehten Cheroot-Zigarren rauchen oder der noch sehr ursprüngliche Anlegeplatz für die Boote am Irrawaddy, dem bedeutendsten Fluss des Landes, der auch ›Road to Mandalay‹ genannt wird.

Frau mit selbstgedrehter Cheroot-Zigarre in Bagan

Außerdem organisierte Win, dass wir Zugang zu ­einer kleinen Schule für Novizen bekamen und dort ­Fotos der ›Kinder-Mönche‹ beim Unterricht machen durften. Es war ein tolles Erlebnis, nicht nur für uns ­Fotografen sondern auch für die Kleinen, die zwar angehende Mönche, aber natürlich auch einfach Kinder sind. Und so richtig brach das Eis, als wir auch noch die Rollen tauschten und ich den Kids meine zweite Kamera gab, sodass wir uns gegenseitig fotografieren konnten!

Novizen in der Schule mit meiner Zweitkamera

Mandalay war unsere nächste Station, und auch diese Metropole im Norden des Landes hat fotografisch sehr viel zu bieten. Ein Highlight ist natürlich die U-Bein-Brücke, die als die längste Teakholzbrücke der Welt gilt und etwas außerhalb der Stadt liegt.

Die längste Teakholzbrücke der Welt: die ›U-Bein-Brücke‹ bei Sonnenuntergang.

Ein weiteres Highlight liegt rund 20 km südwestlich der Stadt: Sagaing. Es ist mit rund 600 Stupas und Klöstern und 100 Meditationszentren de facto eines der buddhistischen Zentren des Landes, und dort leben über 6.000 Mönche und Nonnen! Mandalay selbst ist u. a. auch berühmt für seine tollen Handwerker. So gibt es z. B. eine große Ballung von Steinmetzen auf der Marble Street, wo viele der Millionen von Buddha-Figuren produziert werden, die überall im Land zu finden sind.

Bei der Arbeit – die berühmten Handwerker in Mandalay

Von Mandalay aus fuhren wir den Irrawaddy ein kurzes Stück flussaufwärts nach Mingun, wo einst König Bodawpaya die größte Pagode der Welt erbauen lassen wollte (geplant war eine Höhe von 152 Meter).
Dazu kam es allerdings nie, da der Bau zu seinen Lebzeiten nicht vollendet und danach aufgegeben ­wurde. Aber von seinen Ambitionen sieht man heute noch den massiven und durchaus beeindruckenden Sockel der Pagode, der immerhin 72 Meter Seitenlänge misst und 50 Meter in die Höhe ragt. Was das Bauwerk (fotografisch) interessant macht, sind aber vor allem die massiven Risse, die es bei einem Erdbeben 1838 bekommen hat.

Es hätte die größte werden sollen: die Pagode von Mingun.

Noch spannender war für uns jedoch, dass bei unserem Besuch in Mingun eine Dorfgemeinschaft gerade ein Fest feierte. Traditionell geht jeder Sohn einer Familie für eine begrenzte Zeit als Mönch ins Kloster. Früher war dies die einzige Möglichkeit, eine gute Bildung zu erhalten. Dieser Einzug der Novizen ins Kloster hat für die burmesischen Familien eine große Bedeutung und wird entsprechend zelebriert. In diesem Fall sogar mit einer Elefantenparade!

Von Mandalay ging es für uns weiter zum Inle-See, der auf über 875 Meter im östlich gelegenen Shan-Staat von Myanmar liegt. Die dort ansässigen Intha haben ihr Leben komplett auf den See ausgerichtet. Insgesamt 17 Stelzendörfer gibt es auf und um den 12.000 Hektar großen See, auf dem die Menschen neben Fischfang auch den Anbau von Gemüse, Früchten und Blumen in schwimmenden Gärten betreiben. Für die Fortbewegung auf dem Wasser nutzen die Intha schmale Kanus, die sie mit der berühmt gewordenen Ein-Bein-Rudertechnik steuern und voranbringen. Ein ausgesprochen malerisches Motiv!

Wir wollten jedoch nicht nur ›Zufalls-Fotos‹ ­schießen und verabredeten uns daher mit einem Fischer und seinen zwei Freunden für eine Fotosession bei Sonnenaufgang. Frühmorgens ging es also mit Motorbooten zur verabredeten Stelle. Zum Glück wussten wir Bescheid und hatten uns alle dick eingepackt, denn vor Sonnenaufgang ist es bitterkalt auf dem See. Als wir die verabredete Stelle auf dem See erreichten, waren die Fischer bereits dort und wärmten sich an einem kleinen Feuer auf einem der Boote. Das Licht wurde schnell immer besser, und so legten wir gleich mit unserer Fotosession los. Es lief großartig! Alle, inklusive der Fischer, hatten viel Spaß und es entstanden tolle Bilder.

Legendär – die Ein-Bein-Fischer vom Inle-See

Wir merkten aber schnell, dass die Fischer so etwas nicht zum ersten Mal machten, und mir kam plötzlich der Gedanke, dass wir vielleicht gewachsene Strukturen zerstörten, weil die Fischer durch die Fotosession mehr verdienen als durch den traditionellen Fischfang. Und dass sie den Fischfang dann womöglich aufgeben oder verlernen würden. Ich sprach mit meinem Partner Win darüber, und er erklärte mir, dass die Fischer zwar während der Saison (Oktober bis einschließlich Februar) immer wieder mal solche Fotosessions machten, aber die restliche Zeit des Jahres nach wie vor ganz traditionell fischen gingen und davon leben müssten. So hatte ich dann doch wieder das Gefühl, dass es ›okay‹ ist, was wir hier machten, wenngleich ich durchaus die Gefahr sehe, dass sich langfristig eine andere Entwicklung zeigen könnte.

Stimmungsvoll – Fischer bei Sonnenaufgang auf dem Inle-See

Zu guter Letzt flogen wir vom Inle-See zurück nach Yangon, und Win hatte am Ausgangspunkt unserer Reise noch eine tolle Überraschung für uns: Wir stiegen abends auf das Dach eines alten Hauses und bekamen einen fantastischen Blick auf die beleuchtete Shwedagon-Pagode, wie sie über der Stadt thront.

Insgesamt betrachtet war es eine spektakuläre und gelungene Fotoreise, und alle flogen nicht nur mit vielen wundervollen Bildern heim, sondern auch erfüllt von den vielen schönen Eindrücken und Begegnungen im ›goldenen Land‹.

Eines der wichtigsten Heiligtümer der Buddhisten: die Shwedagon-Pagode in Yangon

Inzwischen ist in Myanmar weiter viel passiert. Die Hoffnungsträgerin Aung San Suu Kyi ist bereits rund anderthalb Jahre ›an der Macht‹ und dennoch gibt es in vielen Teilen des Landes nach wie vor große, z. T. bewaffnete Konflikte. So soll es schwere Menschenrechtsverletzungen gegen die muslimische Minderheit der Rohyinga gegeben haben. Irritierenderweise hat Aung San Suu Kyi sich dagegen ausgesprochen, ein Aufklärungsteam der UNO ins Land zu lassen. Und viele Teile des Landes sind nach wie vor nur mit Sondergenehmigungen zu bereisen.
Sollte man deshalb nicht mehr nach Myanmar fahren? Das ist eine schwere Frage und sie ist sicherlich nicht pauschal zu beantworten. Ich werde im Januar 2018 wieder dort sein und eine neue Gruppe Fotografen mitnehmen. Denn für mich steht fest: Es lohnt sich, dorthin zu reisen und mit den Menschen in den Austausch zu gehen. Das Land ist weit mehr als das Regime und ein Reise-Boykott ändert meiner Meinung nach nichts an der Situation der Menschen, außer, dass für viele eine wichtige Einnahmequelle wegfallen würde. Sehr wohl scheint mir aber die Einflussnahme auf politischer und diplomatischer Ebene wichtig zu sein. Leider besteht die Gefahr, dass Myanmar angesichts der vielen drängenden weltpolitischen Probleme von Europa und den USA ›vergessen wird‹, während China seinen Einfluss im Land immer weiter ausweitet. Unser Anliegen für die nächste Reise ist es, einen noch tieferen Einblick in Myanmars Kultur und ethnische Vielfalt bekommen, denn wir werden mit Win auch zur Volksgruppe der Chin reisen, wo sich über Jahrhunderte hinweg die Frauen traditionell ihr ganzes Gesicht tätowieren. Es wird also sicher wieder spannend!

(dieser Artikel erschien auch in fotoespresso 4/2017)

Ausstellung zur Fotoreise Myanmar

Ab dem 01.11.2017 läuft eine Gemeinschaftsausstellung von fünf Fotografen, die mit mir gemeinsam in Myanmar unterwegs waren, und mir. Aus den unterschiedlichen Blickwinkeln haben wir insgesamt 15 Bilder ausgesucht, die wir großformatig in der Ausstellung im Flughafen Münster / Osnabrück zeigen. Präsentiert wird die Ausstellung von CEWE. Zur Eröffnung am 01.11.2017 wird es ab 15:00 Uhr auch eine kleine Vernissage geben, zu der wir herzlich einladen. Weitere Informationen gibt es unter www.myanmar-expo.reisefotografie.de

Die Fotografen der MYANMAR Fotoexpedition vor dem Haus von Aung San Suu Kyi in Yangon. V.l.n.r.: Rik M. Plompen, Mehran Kadem-Awal, Wout Kok, Thorge Berger (kniend), Ulrich Wolf, Andree Treffenfeld, Wn Kyaw Zan
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4 Kommentare:
  1. Aussergewöhnlich schöne Bilder und eine sehr gute Berichterstattung.
    Seit über 40 Jahren reisen wir in Südostasien und Myanmar ist seit unserem ersten Besuch im Jahre 1994 unser absoluter Favorit. Wenn wir dieses wunderschöne Land mit seinen offenen, überaus gastfreundlichen und hilfsbereiten Menschen besuchen, ist es für uns jedes Mal wie ein „Nachhausekommen“. Im Januar 2018 haben wir den touristisch noch etwas weniger erschlossenen Süden Myanmars bereist. Aber es gibt schon viele neu erbaute Hotels und Pensionen, die auf Gäste warten………..

    1. Hallo Richard!
      Das ist ja schön, dass ihr Myanmar bereits vor 40 Jahren für euch entdeckt habt! Und toll, dass ihr das Land und seine Menschen immer noch liebt und sogar noch Neues entdecken könnt! Im Süden Myanmars war ich selbst noch nicht, habe aber schon gehört, dass es sich lohnen soll! Also, mal sehen …

      Herzliche Grüße
      Thorge

      P.S.
      Und ganz herzlichen Dank für dein nettes Feedback!

  2. Hallo Thorge,

    es ist kein Wunder, dass du schon öfters in Myanmar warst. Das Land ist beeindruckend und einzigartig. Nicht nur Reisefotografen finden dort wunderschöne Modelle, sondern einfache Reisende, die eher auf Erleben und Sehen aufgerichtet sind. Deine Fotos sind sehr schön. Die jungen Mönche vor der Mingun Pagode gefällt mir am besten.
    Wir haben unsere Eindrücke und Erfahrungen über Myanmar aus einem anderen Sicht auf der Seite https://www.travelsicht.de/bagan-entdecken-tempelroute/ zusammengefasst.

    Ich wünsche dir weiterhin gute Reise.

    Viele Grüße,

    Ildi

    1. Hallo Idli!
      Vielen Dank für dein Feedback! Freut mich, dass dir meine Bilder gefallen haben. Tatsächlich bin ich gerade dabei, die nächste Fotoreise nach Myanmar zu planen … Und diesmal wird wohl auch (wie bei euch) eine Drohne im Gepäck sein! 😉

      Herzliche Grüße
      Thorge

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