Analoges Mittelformat: Erste Erfahrungen mit der Mamiya RB67 (2)

12. Oktober 2015
von Boris Karnikowski
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Eine Gegenlichtaufnahme der untergehenden Sonne, die durch Blüten scheint.
Im Englischen Garten, Kodak Portra 400.

Analoges Mittelformat: Erste Erfahrungen mit der Mamiya RB67 (2)

Im ersten Teil der Serie habe ich vom Kauf und der Instandsetzung der Mamiya RB67 berichtet. In diesem Teil gehe ich auf die ersten Schritte und das Fotografieren mit der Mamiya RB67 näher ein.

Film einlegen

Für KB-Anwender ungewohnt: der Rollfilm sitzt einfach auf einer Plastikspule – statt der vom KB her bekannten Patrone schützt nur ein Papierstreifen, der etwas breiter als der Film ist, diesen vor Lichteinfall.

Der 120er Rollfilm. Der Film wird nur das etwas breitere Papier vor Lichteinfall geschützt.
Ein belichteter 120er Rollfilm. Der Film wird nur das etwas breitere Papier vor Lichteinfall geschützt.

Einlegen (bei gedämpftem Licht) und Vorspulen auf das erste Bild gingen mir aber fast leichter von der Hand als bei einer KB-Kamera. Ist der Film einmal eingespult, schützt ihn das Blackslide vor ungewollter Belichtung – die Kassette lässt sich ohne Blackslide nicht abnehmen, umgekehrt ist bei eingeschobenem Blackslide der Auslöser gesperrt. Praktisch ist, wenn man zwei oder mehrere Filmkassetten hat, um Filme vorzuladen – z.B. S/W in der einen und Farbe in der anderen oder Filme, die unterschiedlich belichtet werden sollen. Die Kassetten selbst sind schnell ausgetauscht und sitzen dank der massiven Sperrriegel zuverlässig und fest am Kameragehäuse.

Fotografieren mit der Mamiya RB67

Um nun mit der Mamiya RB67 zu fotografieren, braucht es etwas Übung (und es hat bei mir knappe zwei Filme gebraucht, bis die Handgriffe saßen):

  • Lichtmessung: ob per App oder klassischem Belichtungsmesser (oder nach der Sunny 16-Regel etc.). Ausgehend vom gemessenen Wert arbeite ich mich entlang der zwei verbliebenen Seiten des Belichtungsdreiecks zu meinen Zeit-/Blende-Wunschwerten vor. Der Verschluss der Sekor-Objektive lässt sich nur auf volle Belichtungszeiten einstellen, beginnend bei 1/400 s und endend bei 1 s bzw. unendlich (der Spiegel lässt sich am Objektiv hochstellen). Die Blende beginnt beim 90 mm-Sekor bei f/3.8 und lässt sich – auch in Zwischenstufen – bis auf f/32 schliessen (wichtig wegen der geringen Schärfentiefe im Mittelformat).
  • Verschluss und Spiegel spanne ich mit dem Hebel an der rechten Seite des Gehäuses, d.h. der irisförmige Objektivverschluss wird geöffnet und der Spiegel heruntergeklappt. Nur wenn Verschluss und Spiegel gespannt sind, sehen Sie überhaupt ein Bild im Sucher. Den Film habe ich (hoffentlich) nach der letzten Aufnahme ein Bild weiter transportiert (bei der RB67 Pro-S gibt es noch keinen Schutzmechanimus gegen Doppelbelichtung).
  • Komposition des Motivs: Nun kann ich durch den aufgeklappten Sucher das Bild gestalten, das vom Spiegel auf die auswechselbare Mattscheibe geworfen wird. Das Sucherbild ist groß, recht hell und – was kein Vorteil sein muss – dreidimensional (denn man schaut ja mit beiden Augen). Am Anfang irritierend: das Sucherbild ist spiegelverkehrt. Ich muss also nach links schwenken, wenn ich am rechten Bildrand arbeiten möchte (und umgekehrt). Und eine Korrektur der horizontalen Neigung hat mich anfangs vor echte Koordinationsprobleme gestellt (muss merkwürdig ausgesehen haben). – Interessant gelöst: da die Kamera wegen des Lichtschachtsuchers für Hochformatbilder nicht einfach gekippt werden kann, lässt sich die Filmkassette auf einem Drehkranz ins Hochformat rotieren (tatsächlich rührt hier der Name der Kamera her: „Rotating Back“, das „67“ steht natürlich für das Filmformat). Im Lichtschachtsucher klappen dann zwei rote Plastikstangen ins Bild, die die Hochformatmaße anzeigen.
  • Scharfstellen: dazu dient der ausfahrbare Balgen des Gehäuses. Zum Scharfstellen klappt man eine kleine Lupe aus, die den Sucherschacht nach oben wie ein Deckel verschliesst. Man tastet sich durch Aus- und Einfahren des Balgens an die richtige Einstellung heran, bis die Schärfe auf der Mattscheibe „springt“ (Schnittbildentfernungsmesser gibt es nicht). Im Nahbereich bis ca. 1 Meter kann das mit dem 90 mm etwas mühsam sein. Mit dem 65 mm-Weitwinkel (zumal f/4.5) ist das eine echte Herausforderung
  • Auslösen: Hat man all dies geschafft und muss nirgends nachjustieren, umfasst man den vorderen Teil des Kameragehäuses mit beiden Händen, legt den rechten Zeigefinger auf den Auslöser und drückt durch. – Nichts passiert? Dann steckt noch das Blackslide in der Filmkassette. Oder der Film ist seit der letzten Belichtung „gesperrt“ und muss erst transportiert werden. Löst die Kamera aus, tut sie das mit einem satten, langen „Klack“, das vor allem vom hochklappenden Spiegel erzeugt wird und das Geräusch des ablaufenden Objektivverschlusses übertönt (den hört man erst ab Verschlusszeiten ab 1/30 s. heraus). Was beim Auslösen in der Kamera passiert, ist dabei wesentlich komplexer, als bei einer KB mit klassischem Schlitzverschluss, denn der Verschluss liegt ja im Objektiv und damit vor dem Spiegel:
    • der Verschluss wird geschlossen
    • der Spiegel klappt hoch
    • die Blende wird auf den eingestellten Wert geschlossen
    • der Verschluss öffnet und schließt sich nach eingestellter Zeit

Aufnahmen aus der Hand sind mir bislang verwacklungsfrei gelungen, allerdings habe ich unterhalb von 1/250 die Kamera auf ein Stativ gesetzt, Bis zu 1/60 soll aber möglich sein. Allerdings: Die Kamera wiegt mehr als 3 kg und ist gemessen an KB sehr groß – Hand- und Armmuskeln ermüden schneller.

Auch wenn es sicher von der persönlichen Geübtheit mit der Kamera abhängt, wie schnell man zu einem Foto kommt – die Mamiya RB 67 ist keine Kamera für schnelle, spontane Fotos unter wechselnden Bedingungen. Ich setze sie im Moment vor allem für Natur- und Landschaftsfotos ein.

Eine Gegenlichtaufnahme der untergehenden Sonne, die durch Blüten scheint.
Im Englischen Garten, Kodak Portra 400.
Blick auf eine Felswand gegenüber den Drei Zinnen (Dolomiten), im Vordergrund eine Mauer aus Bruchsteinen
Im Drei Zinnen-Gebiet (Dolomiten); Ilford HP5 wurde auf 200 ASA gepullt.

Außerdem habe ich noch keine Fototasche gefunden, die groß genug ist, um die Mamiya RB 67 komfortabel verstauen zu können. Bevor ich sie – wie von einem Nutzer im Netz berichtet – in eine gepolsterte Tupperdose packe und diese in einem Rucksack transportiere, setze ich noch auf den Tragegurt (zumal ich mir vorgenommen habe, erstmal nur mit einem Objektiv auszukommen). Doch selbst mit dem wird es nach spätestens einer Stunde etwas mühsam. Warum sich das antun? Natürlich für die wunderbar großen Bilder. Dazu mehr im dritten und letzten Teil.

Alle Artikel der Serie im Überblick:

1) Analoges Mittelformat: Erste Erfahrungen mit der Mamiya RB67 (1)
2) Analoges Mittelformat: Erste Erfahrungen mit der Mamiya RB67 (2)
3) Analoges Mittelformat: Erste Erfahrungen mit der Mamiya RB67 (3)
4) Ein Jahr analog fotografieren mit der Mamiya RB67

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