7 Tipps für die Natur- und Landschaftsfotografie

15. Oktober 2015
von Steffen Körber
1 Kommentare

Wer Natur- und Landschaftsfotografie betreiben möchte, benötigt nicht nur eine bestimmte Technik und die Fähigkeit, sie zu bedienen, sondern muss sich auch mit der Landschaft auseinandersetzen und sich auf sie vorbereiten. Aber auch das reicht noch nicht, um Landschaftsfotografie auf höherem Niveau betreiben zu können. Es braucht vor allen Dingen Zeit und Erfahrung, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, mit welchen Mitteln und Techniken man diese Landschaften in Szene setzen kann. Ein Buch kann die eigene Erfahrung zwar niemals vollständig ersetzen, aber immerhin nützliche Tipps geben, auf die man selbst vielleicht nie oder erst sehr spät gekommen wäre. Sieben von insgesamt 71 Tipps aus Martin Borgs Buch „Natur- und Landschaftsfotografie“ möchten wir Ihnen hier zeigen.

Martin Borgs Tipps zur Natur- und Landschaftsfotografie

19: Den Betrachter an die Hand nehmen

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Sie sind der Fotograf u­nd bestimmen somit mindestens zwei Dinge: zum einen, was der Betrachter zu sehen bekommt, sprich das eigentliche Motiv, zum anderen, wie Sie dieses für den Betrachter präsentieren. Indem Sie bewusst über den Bildaufbau entscheiden, zwingen Sie den Betrachter, das Bild auf die gleiche Art und Weise zu „lesen“, wie Sie es beim Fotografieren getan haben. Aber keine Angst: Ein Naturbild trägt immer eine ordentliche Dosis an Gefühlen und Eindrücken in sich, auf die jeder Betrachter instinktiv auf subjektive Weise reagiert. Statt zu manipulieren, geht es vielmehr darum, die Oberfläche ein klein wenig anzuritzen, um es so dem Betrachter zu erleichtern, das Bild zu lesen und aufzunehmen. Abgesehen vom Licht und vom eigentlichen Motiv ist es das, was ein Foto richtig interessant macht: dass jemand gründlich darüber nachgedacht hat. Es gibt also einen eindeutigen Absender, der den Betrachter an die Hand nimmt und ihm etwas Schönes und Interessantes zeigen will. Das ist eine Aufgabe, der man gerecht werden möchte.

28: Das A und O: die Schärfentiefe

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Bei Landschaftsaufnahmen ist hinsichtlich einer Sache wirklich Sorgfalt geboten: bei der Schärfentiefe. Versäumt man hierauf zu achten, ist das Foto in der Regel unbrauchbar. Um sicherzugehen, dass ein Bild sowohl im Vorder- als auch im Hintergrund scharf wird, setzt man häufig eine sehr kleine Blende (z.B. 22) ein. Dadurch fällt die Belichtungszeit selbst bei ausreichendem Tageslicht schnell ziemlich lang aus (z.B. 1/15 Sekunde), so dass ein Stativ absolut unerlässlich wird. Auch mit dem Autofokus kann es schwierig werden: Stellt man die Schärfe zu weit hinten im Bild ein, wird der Vordergrund möglicherweise unscharf, selbst wenn man ordentlich mit der Blende heruntergeht. Besser ist es, die Schärfe manuell mithilfe der Abstandsmarkierungen auf dem Objektiv einzustellen. Die Faustregel besagt, dass ein Motiv ungefähr bis ein Drittel vor dem Objekt scharf wird, auf das Sie fokussieren, sowie zwei Drittel dahinter. Legen Sie den Fokus also ein bisschen näher an die Kamera als zum Objekt, damit der Vordergrund scharf wird. Seien Sie genau! Nichts ist ärgerlicher, als am Computerbildschirm zu entdecken, dass ein tolles Foto nicht überall scharf geworden ist.

29: Erhöhte Standorte suchen

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Wenn man Landschaften fotografiert, ist es wichtig, einen Überblick zu erhalten und Ordnung in die einzelnen Bildbestandteile zu bringen. Aus einer niedrigen Position heraus passiert es schnell, dass sich die einzelnen Elemente der Landschaft gleichsam im Foto übereinander stapeln, statt sich räumlich auszubreiten. Häufig reicht es bereits, die Kamera einfach einen Meter höher über dem Boden zu halten, um die Perspektive zu verbessern und mehr Tiefe im Bild zu erzeugen. Steinmauern, Felsen, Baumstümpfe, Zäune, feste Fotokoffer, ein Autodach oder was immer können hier hilfreich sein. Ohne großen Aufwand erhält das Bild direkt mehr Kick, das Motiv wird ausgeweitet, der Vordergrund freigelegt und das Bild von oben nach unten ausgefüllt. Diese vertikale Dehnung ist der größte Gewinn für den Fotografen, weil er durch den höheren Standpunkt sein Bild bewusster komponieren kann. Nach solchen Erhöhungen zu suchen, wenn man mit der Kamera unterwegs ist, wird rasch zur Routine. Hinauf, hinunter und wieder hinauf … das kann ganz schön in die Beine gehen. Im Nachhinein merkt man aber am Resultat, dass es sich lohnt, keinen Hügel unerforscht zu lassen.

31: Komprimieren mit dem Teleobjektiv

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Im Prinzip lässt sich jede x-beliebige Landschaft in ein Foto-Eldorado mit haushohen Hügeln und dicht aneinander gedrängten Attraktionen verwandeln. Es gilt, ein gutes Teleobjektiv einzusetzen und das Augenmerk auf das Richtige zu lenken. Entfernte Dinge rücken plötzlich näher, der Unterschied zwischen nah und fern verschwindet. Das Resultat wirkt wie ein Konzentrat der gesamten Umgebung. Allerdings reihen sich die einzelnen Elemente des Motivs nicht von alleine auf: Die Komposition ist vor allem dann nicht ganz einfach, wenn alle Einzelteile zusammengeschoben werden und einander überlappen. Sollte ein Teil des Bildes leer bleiben, ist es im Prinzip unmöglich, dieses Problem zu beheben, egal wie sehr man sich wegbewegt. Die Überlegungen für die Bildgestaltung sind die gleichen wie bei anderen Bildern: Verteilen Sie die einzelnen Attraktionen im Bild, schaffen Sie ein Gleichgewicht und gestalten Sie die Bildecken ruhig. Dann heißt es nur noch abdrücken!

52: Ein See als Spiegel

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Der Künstler M. C. Escher – der mit dem nach oben fließenden Wasserfall – hat ein fantastisches Bild namens „drei Welten“ gemalt. Es zeigt eine Wasseroberfläche, auf der abgefallene Herbstblätter treiben und in der sich drei dunkle Bäume spiegeln. Außerdem sieht man einen Fisch, der tief unten im Wasser schwimmt: drei verschiedene Welten unter, auf und über der Wasseroberfläche. Stille Seen sind immer ein guter Gehilfe bei der Gestaltung von interessanten Fotografien. Ihre spiegelnden Eigenschaften geben einem Bild eine zusätzliche Perspektive, quasi den Blick um die Ecke. Fotografiert man gleichzeitig etwas, was auf der Wasseroberfläche liegt, hat man bereits zwei Welten in einem Bild vereint. Die dritte ist etwas schwieriger zu erreichen, aber es ist möglich. Ein halb gedrehter Polarisationsfilter nimmt die Reflexionen aus einem Teil des Bildes und gibt somit die Sicht auf die Tiefe des Sees frei. Dann heißt es nur noch abwarten, bis ein Fisch im Bildausschnitt auftaucht.

58: Die Linse anhauchen

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Manche Tricks haben deutlich mehr Jahre auf dem Buckel als andere: Auf das Objektiv zu hauchen, um ein Motiv weichzuzeichnen, ist wohl einer der ältesten bzw. einfachsten und dazu noch effektivsten, die es gibt. Das notwendige Zubehör ist sozusagen immer zur Hand. Wann aber sollte man diesen Trick anwenden? Wie bei allen kreativen Effekten ist es Geschmacksache und man muss einfach ausprobieren, um ein eigenes Gefühl dafür zu entwickeln. Das obige Bild ist 15 Jahre alt und entstand während eines Sommers in Nordschweden. Ich erinnere mich, dass die Farnblätter irgendwie dünn aussehen – und da kam mir die Idee, es mit dem Anhauchen der Linse zu versuchen, um das Motiv gleichmäßiger und weicher wirken zu lassen. Das Bild übertraf all meine Erwartungen. Aber um ehrlich zu sein, habe ich diesen Trick seither nicht allzu häufig eingesetzt. Wenn ich es mir recht überlege, auf jeden Fall zu selten.

68: Geschichten erzählen

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Die Lebensdauer eines Naturbildes lässt sich verlängern, indem man ein Motiv auswählt, das mehr als das zweidimensionale Bild erzählen kann. Geschehnisse und Vorgänge in der Natur hinterlassen manchmal Spuren, die einen Hinweis darauf geben, was passiert ist. Dieses Bild hier wird zu einer Geschichte. Der junge Vogel lag am Strand auf der Insel Sandö vor Gotland. Er war erst vor wenigen Stunden gestorben, sein Federkleid noch immer schön und die Augen unversehrt – gerade die Augen verschwinden bei einem verendeten Tier als Erstes. Wie der Vogel gestorben ist, weiß ich nicht. Aber die Spuren im Sand machen das Bild interessant. Es gibt Spuren von anderen Vögeln, die sich dem toten Tier genähert und es umkreist haben. Warum sie dies taten und was sie dabei wohl gedacht haben, weiß man nicht, aber der tote Körper hatte ganz offensichtlich eine Bedeutung für sie. Aus diesem Grund habe ich den Vogel bewusst in die Mitte des Bildes platziert.

aus: Martin Borg, Natur- und Landschaftsfotografie, 71 Tipps vom Profi, Heidelberg 2011 (dpunkt.verlag – Edition Espresso)

Weitere Beiträge zum Thema Landschaftsfotografie:

Landschaftsfotografie 1: Die richtige Ausrüstung
Landschaftsfotografie 2: Die wichtigen Kameraeinstellungen
Landschaftsfotografie 3: Motivideen
Landschaftsfotografie 4: Das Shooting

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1 Kommentar:
  1. Hallo Steffen, vielen Dank für die tollen Tipps. Das Anhauchen der Linse war mir zum Beispiel völlig neu. Ich werde mich gleich mal ans Werk machen und versuchen, das umzusetzen.
    Liebe Grüße von einem Germanist/Philosoph/Landschaftsfotograf – Paul

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